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Die Medicina Antiqua
Spätantikes Medizinwissen in strahlenden Miniaturen
Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Vindob. 93, Italien, 1. Hälfte des 13. Jh.

CODICES SELECTI, Vol. XXVII

Ausstattung

weitere Bilder

 

Erhältlich als Band 6 der Reihe Glanzlichter der Buchkunst

Die Wiener Handschrift der Medicina antiqua zählt nicht zuletzt wegen ihres aufwendigen Bildschmucks zu den bedeutendsten Handschriften ihrer Art. Sie ist eine medizinisch-pharmazeutische Sammelhandschrift in lateinischer Sprache, die in der 1. Hälfte des 13. Jh.s in Süditalien, möglicherweise im Umfeld des staufischen Hofes, verfertigt wurde.
Die verschiedenen Texte, deren Autoren biographisch und namentlich nicht greifbar sind, entstanden in der Spätantike, im 4. oder 5. Jh. So ist auch diese Handschrift ein Zeugnis für die überaus beliebte Rezeption medizinischen Gedankengutes aus der Antike in Mittelalter und Neuzeit.
Große Berühmtheit hat dieser Codex wegen der zahlreichen Bilder von Pflanzen und Tieren und wegen der Fülle von Darstellungen von Therapieszenen und Ärztebildern erlangt. All diese Illustrationen gehen auf antike Vorbilder zurück und sind in leuchtender Deckfarbenmalerei ausgeführt. Daneben finden sich auf fast jeder Seite rund 50 Jahre später eingefügte Federzeichnungen mit Szenen, die den Betrachter direkt in die Sprechstunde eines mittelalterlichen Arztes entführen. Als zeitgenössischer Bildkommentar verleihen diese spontanen, ausdrucksstarken Bilder dem Codex einen zusätzlichen Reiz.

Ein glänzendes Zeugnis der Antikerezeption im Mittelalter

Die Autoren, besser Kompilatoren, lehnten sich mehr oder weniger stark, direkt oder indirekt, an die beiden antiken Standardwerke, die Materia medica des Dioskurides, eines bedeutenden griechischen Botanikers und Arztes aus dem 1. Jh. n. Chr., und an die Naturgeschichte des Plinius des Älteren an.
Oft ist der Text stark beschädigt, da gewisse Passagen und Darstellungen bei späteren christlichen Lesern Anstoß erregten und diese alle Spuren des Heidentums aus der Handschrift tilgen wollten. So haben beispielsweise die Gebete an die Dea sancta Tellus, an die heilige Mutter Erde, und ein Gebet an alle Pflanzen das Mißfallen der christlichen Leser erregt, sodaß diese Texte durch Radierungen verunstaltet sind. Besonders die weibliche Tellus mußte sich die Geschlechtsumwandlung zu einer Vatergottheit gefallen lassen, indem im Text dieses Gebets nicht nur radiert, sondern auch ausgebessert und in die radierten Stellen hineingeschrieben wurde. Auch die Darstellungen von Phalloi sind überall in der Handschrift zum großen Teil wieder ausradiert worden.
Die Federzeichnungen, die als jüngstes Element den Deckfarbenmalereien hinzugefügt wurden, zeichnen sich durch deftigen Realismus aus, bisweilen bis zur Karikatur gehend; jedenfalls kann man sich den Zeichner als jemanden vorstellen, der mit dem Betrieb in einer mittelalterlichen Arztpraxis wohl vertraut war.


Ein medizinisches Nachschlagewerk für den Hausgebrauch

Die Materia medica wandte sich an den Laien und empfahl – in äußerster Skepsis gegenüber der ärztlichen Kunst und Integrität – die Selbstmedikamentation. Demnach ist die ganze Ausrichtung auch nach dem Verständnis der Zeit keine primär wissenschaftliche. Die einzelnen Texte orientieren sich vielmehr eher an magischen Vorstellungen als an wissenschaftlichen Theorien (wobei sich die Autoren selbstverständlich nach Belieben Rückgriffe auch auf die zeitgenössische Medizinliteratur und bereits akzeptiertes populäres Medizinwissen gestattet haben).

Eine reichhaltige Quelle für die Geschichte der Medizin

Die anhaltende Beliebtheit dieses pharmazeutischen Sammelwerkes kann verschieden erkärt werden. Denn die Wiener Handschrift ist durch ihre reiche Ausstattung mit Malereien und Zeichnungen nicht nur ein überaus wertvolles Objekt der Kunstforschung, sondern auch eine unschätzbare Quelle für die Geschichte der Medizin. Aber auch für die Realienkunde des Mittelalters bieten die Miniaturen zahlreiche wertvolle Details über Kleidung, Einrichtungsgegenstände und medizinische Behelfe.
Vielleicht liegt es aber auch an der von Plinius dem Älteren übernommenen Beschimpfung der Ärzte, denen nie zu trauen ist, und das damit verbundene Lob der Selbstmedikamentation, oder möglicherweise am hohen Anteil magischer Vorstellungen, die das Wunderbare jeglicher Heilung betonen, daß dieses Werk auch von Laien immer wieder gerne eingesehen wird.

Der Kommentarband

Der wissenschaftliche Kommentar, der zu jeder Faksimile-Ausgabe gehört, dient als Schlüssel zum Verständnis der Handschrift. Darin geben Charles H. Talbot (auf Englisch) eine medizinhistorische und Franz Unterkircher (auf Deutsch) eine kodikologische und ikonographische Einführung in die Handschrift.

   
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