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Die Vita des heiligen Wenzel - Normalausgabe
Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Prag, 1585

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DER HEILIGE WENZEL


Der Siegeszug des Christentums in Europa war im 10. Jahrhundert weit fortgeschritten. Doch sind uns heute die weitläufigen Konsequenzen  der Christianisierung  nicht bewusst. Denn die scheinbar nur religiöse Haltung eines Herrscherhauses führte unweigerlich zu sehr weltlichen Konflikten: Es ging in Wahrheit immer um Macht, Einfluss und Abhängigkeiten.
Ein Repräsentant für die grausamen Folgen der Christianisierung im damals noch kleinen Fürstentum Böhmen ist der heilige Wenzel. Seine Bedeutung ist auch noch heute in Tschechien ungebrochen.

Wenzel von Böhmen wurde um 908 als ältester Sohn des Wratislav I. und dessen Frau Drahomíra geboren. Wenzels Vater war Christ. Seine Mutter hingegen war nicht getauft, wie auch ein Großteil der Bevölkerung im Fürstentums.

Als Wratislav  I. 921 starb, übernahm seine Mutter Drahomíra für den noch unmündigen Wenzel die Regierung. Wenzel wurde seiner christlichen Großmutter Ludmilla übergeben und dementsprechend erzogen. In dieser Konstellation lag naturgemäß hohes Konfliktpotential: Drahomíra sah im Christentum vor allem einen Machtverlust: Denn die Christianisierung würde die Unabhängigkeit des damals kleinen Fürstentums schwächen, indem man sich den römischen Königen unterwerfen müsste. Um ihre Macht zu demonstrieren und den böhmischen Christen ein Exempel zu statuieren, griff Drahomíra zu einer drastischen Maßnahme: Sie ließ ihre Schwiegermutter Ludmilla ermorden und vertrieb alle Missionare. Dadurch sollte jeder äußere Einfluss eines christlichen Herrschers auf das Fürstentum verhindert werden.
Alles änderte sich mit der Machtübernahme durch Wenzel im Jahr 925. Er sorgte für die Rückkehr der Missionare und setzt dem Christentum (unter anderem) mit dem Bau der sogenannten St. Veits-Rotunde – über deren Grundmauern heute der berühmte St. Veits-Dom steht – ein deutliches Zeichen. Wenzels Ziel war die Einführung des Christentums als Staatsreligion in seinem Regierungsgebiet.

Mit seinen Bestrebungen hatte der junge Fürst die Machenschaften seiner Mutter rückgängig gemacht. Nun kommt der jüngere Bruder von Wenzel, Boleslaw, zum Zug: Auch er steht der neuen Religion mit Argwohn gegenüber. Zudem möchte er die Stelle seines Bruders als Herrscher einnehmen: So schmiedet er mit Drahomíra ein Mordkomplott: Unter dem Vorwand eines Familientreffens wird Wenzel nach Altbunzlau geladen. In Prag war Wenzel nicht angreifbar. Auf dem Weg zum Morgengebet wird Wenzel am 28. September des Jahres 929 oder 935 von seinem Bruder und dessen Gefolgsleuten in einem Kampf getötet. Boleslaw hatte erreicht, was er wollte. Dennoch konnte er die Unabhängigkeit seines Territoriums nicht auf Dauer erhalten: Zwar vergrößerte und festigte er die Position Böhmens. Er musste sich aber 950 Otto I. unterwerfen, und hatte dadurch die angestrebte Unabhängigkeit des kleinen Fürstentums nicht aufrecht erhalten können.

Sein Bruder Wenzel hatte schon zu Lebzeiten einen besonderen Ruf als Christ. So wurde sein Grab zur Pilgerstätte, er wurde schon kurz nach seinem Tod als Heiliger verehrt. An seinem Grab sollen Heilungen und Wunder geschehen sein. Seitdem ist die Verehrung Wenzels ungebrochen: Der Prager Wenzelsplatz wird in der jüngsten Geschichte für besondere Anlässe und Kundgebungen genutzt. So auch im Zuge der sogenannten „Samtenen Revolution“ von  1989. Heute wird der 28. September als offizieller Feiertag des hl. Wenzel begangen.

In seiner Legende wird der heilige Wenzel als vorbildlicher Christ gezeigt: Er lässt Kinder taufen und sorgt persönlich für ihre christliche Erziehung; Armenspeisungen und Freilassungen von Gefangenen zeugen von gelebter Nächstenliebe; Heilungen von Kranken sollen seine besondere Gottesnähe schon zu Lebzeiten beweisen. Historisch belegte militärische Siege werden in der Legende mit dem Erscheinen von Engeln begründet. Wenzel verzichtete auf die Unterwerfung seiner Gegner. Er beließ es bei Gesten und sah den wirklichen Sieg in der Bekehrung der Widersacher zum Christentum.


DIE HANDSCHRIFT

1585 widmete Martin Hutský, Meister der Malkunst in Prag, seinem Gönner und Förderer Erzherzog Ferdinand II. von Tirol diese Handschrift. Das überaus farbenprächtig gestaltete Wappen des Erzherzogs leitet die Handschrift auf fol. 1 auch ein. Darauf folgt ein zweiseitiges Widmungsschreiben Hutskys an seinen Mäzen.
Bevor nun die Legende mit ihren Miniaturen folgt, wird die historische Lebensgeschichte Wenzels geschrieben.
Die Legende des Heiligen wird auf 23 Seiten wiedergegeben: Eine schmale Goldleiste bildet den Rahmen, in dem Bild und Text miteinander verbunden werden: Denn unter jeder Miniatur wird das Dargestellte geschildert. Der Künstler hat nicht nur die Buchmalerei gestaltet, er schreibt auch selbst die Erläuterungen in die Handschrift.

   
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