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Codex rotundus
Höchste Buchkunst auf kleinstem Raum
Hildesheim, Dombibliothek Hildesheim, Hs 728, Brügge, Ende des 15. Jahrhunderts

CODICES SELECTI, Vol. CXIX

Ausstattung

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Eine Miniatur-Handschrift in rundem Format

Die mittelalterliche und frühneuzeitliche Buchkultur hat immer wieder herausragende und spezielle Handschriften hervorgebracht: Seien es Prachteinbände, großzügig mit Gold und Silber versehene Illustrationen oder Codices, geschrieben auf purpurgefärbtem Pergament. Oft aber liegt das Großartige im Kleinen, so wie bei dieser Handschrift: Sie fasziniert nicht nur in ihrer Kleinheit, sondern auch in ihrer Form. Hinter dem heutigen Namen Codex rotundus verbirgt sich ein 266 Blatt starkes Stundenbuch in lateinischer und französischer Sprache. Einzigartig sind Form und Größe der Handschrift: Die Blätter sind annähernd rund beschnitten und messen etwas mehr als 9 cm im Durchmesser. Das buchbinderische Wagnis ist enorm: Da die Lagen auf einen nur 3 cm breiten Rücken geheftet sind, wird der Buchblock mit drei Schließen zusammengehalten. Die originalen Schließen sind beim Neubinden der Handschrift im 17. Jahrhundert wiederverwendet worden; sie sind als Monogramm aus kunstvoll ineinandergesteckten gotischen Buchstaben gebildet.

Ein Herzog von Kleve als Auftraggeber?

Für wessen Augen der üppige, abwechslungsreiche und unterhaltsame Bilderschmuck des Codex rotundus ursprünglich bestimmt war, darüber gab einst die Initiale „D“ Auskunft, mit der auf fol. 24r die Kreuz-Horen als erster eigentlicher Text nach dem Kalender beginnen. Sie ist mit einem Wappen gefüllt, das ein späterer Besitzer zwar zu zerstören versucht hat, an dem man aber immer noch die roten Felder mit Resten des klevischen Karfunkels und die goldenen Felder mit dem geschachten Balken der Grafschaft Mark sowie den blauen Herzschild ausmachen kann. Erstbesitzer und möglicherweise auch Auftraggeber war also ein Herzog von Kleve und Graf von der Mark.


Adolf von Kleve und die Herzöge von Burgund

Mit Adolf von Kleve und von der Mark, Herr zu Ravenstein und Winnendahl, begegnen wir einem Adligen, der aufs engste mit dem burgundischen Herzogshof verbunden ist. Der Neffe Herzog Philipps des Guten, an dessen Hof er aufwächst, nimmt an allen großen Kriegszügen seines Onkels teil. Er bleibt auch dessen Sohn und Nachfolger Karl dem Kühnen treu, der ihn zum Statthalter von Arras und 1475 sogar zum Generalstatthalter der Niederlande ernennt. Die Verbindung Adolfs zum burgundischen Hof wird im Jahre 1470 durch die Heirat mit Anna von Burgund, einer illegitimen Tochter Philipps des Guten und Gouvernante von dessen Enkelin Maria von Burgund (1457–1482), weiter ausgebaut. Maria selbst schätzt Adolf so hoch, dass sie ihn 1478 als Taufpaten ihres Erstgeborenen Philipps I. wählt. Nach ihrem Tod setzt Maximilian I. den Klever Herzog als Vorsitzenden des Regentschaftsrates für seinen Sohn ein. Von daher ist es nicht nur leicht verständlich, dass Adolf sich für sein Stundenbuch an eine Brügger Werkstatt wendet, sondern auch, dass er ein so extravagantes Buch begehrt. Am burgundischen Herzogshof kommt er mit einer hoch entwickelten Buchkultur in Berührung, die Innovation schätzte. Auf Adolf von Kleve bezieht sich auch das Monogramm der Schließen. Die außergewöhnlich stilisierten Buchstaben lassen sich bis heute nicht eindeutig lesen. Doch dieselben Zierbuchstaben schmücken einige Bordüren eines anderen Stundenbuchs aus Adolfs Besitz in Baltimore (Walters Art Gallery, W 439). Auf dem dortigen Besitzerbild fol. 13v/14r ist das Wappen vollständig erhalten, so dass kein Zweifel an der Identität des Dargestellten besteht.


Der "Maler des Codex rotundus": flämische Schule mit individuellem Charakter

Rund sind nicht nur die Blätter, sondern auch der Textspiegel und die drei ganzseitigen Miniaturen. Diese stammen ebenso wie die 20 fünfzeiligen und 10 vierzeiligen historisierten Initialen von einem höchst originellen Buchmaler, der nach der Hildesheimer Handschrift als „Maler des Codex rotundus“ in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Stilistische Parallelen verbinden ihn mit einem anderen großen Brügger Buchmaler, dem „Meister des Dresdener Gebetbuchs“, mit dem er mindestens in einem Fall zusammengearbeitet hat. Vermutlich hat der Rotundus-Maler eine Zeitlang in der Brügger Werkstatt des Dresdener Meisters mitgearbeitet und ist von diesem in vielerlei Hinsicht angeregt worden.

   
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