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Das Da Costa-Stundenbuch – Luxus-Ausgabe
121 strahlende Miniaturen von Simon Bening
New York, Pierpont Morgan Library, MS M.399, Gent/Brügge, um 1515

CODICES SELECTI, Vol. CXVI

Ausstattung

weitere Bilder

 

Die Buchmalerei erlebte einen ihrer größten Höhepunkte und zugleich ihre letzte Blüte in der phantastischen Buchmalerkunst der Gent-Brügger Malerschule – große Künstler wie Gerard Horenbout oder Gerard David schufen unvergessliche Meisterwerke. Unzweifelhaft der größte Meister allerdings ist Simon Bening, dessen Werke zugleich den Höhepunkt und Abschluss der großen niederländischen Buchmalertradition bilden.
Das Da Costa- Stundenbuch ist das wohl größte Frühwerk dieses Ausnahmekünstlers. Während manche seiner insgesamt 121 strahlenden Miniaturen eine kritische Auseinandersetzung mit jenen Errungenschaften bieten, die die Buchmalerei in den Jahrhunderten zuvor hervorgebracht hat, geben andere bereits einen Ausblick auf die großen letzten Zeugnisse der glorreichen Tradition der niederländischen Buchmalerei.

Simon Bening – ein „Star“ seiner Zeit

Die Buchmalerei lag ihm wohl schon im Blut – denn bereits sein Vater Alexander war ein bekannter Buchmaler, den manche Forscher mit dem Meister des Ersten Gebetbuchs Kaiser Maximilians identifizieren, sein Onkel war der große Maler Hugo van der Goes. Simon Bening wurde um 1483 in Brügge oder Antwerpen geboren; er wurde 1508 in die Buchmalergilde von Brügge aufgenommen – eine im ausgehenden Mittelalter unabdingbare Voraussetzung, um als Künstler tätig werden zu können. Dennoch ließ er sich in Brügge nicht vor 1519 nieder, vermutlich lebte und arbeitete er bei seinem Vater Alexander Bening, der 1519 starb.
Schon in dieser Zeit, als Simon von seinem Vater ausgebildet wurde, lernte er die Arbeiten anderer Buchmaler wie Gerard Horenbout kennen, mit denen er später noch großartige Handschriften ausmalen sollte. Spätestens um 1525 ist Simon Bening der unumstrittene „Star“ der Buchmalerszene in ganz Europa –wie übrigens sein Zeitgenosse Tizian in der Tafelmalerei. Doch bereits um 1510 ist das Ansehen Simon Benings europaweit groß. Zu seinen Kunden zählte auch niemand Geringerer als Kardinal Albrecht von Brandenburg, einer der bedeutendsten Kunstförderer des 16. Jahrhunderts, der die größten Künstler seiner Zeit wie Albrecht Dürer und Lukas Cranach den Älteren beschäftigte. 1530 nannte der portugiesische Diplomat und Humanist Damião de Góis Bening „den besten Meister der Buchillumination in ganz Europa“ – und das zu Recht.
Zu seinen Meisterwerken zählen neben dem Da Costa- Stundenbuch auch das Stundenbuch für Kardinal Albrecht von Brandenburg (Privatbesitz), die Genealogischen Tafeln der Königshäuser von Spanien und Portugal (London, British Library, Add. 12531), das Hennessy- Stundenbuch (Brüssel, Königliche Bibliothek, Ms. II. 158) oder die Statuten des Ordens vom Goldenen Vlies (Madrid, Instituto de Don Juan de Valencia). Wie Michelangelo und Tizian wurde Simon Bening sehr alt. Im Jahr 1555 bezahlte er seine letzten Beiträge an die Brügger Buchmalergilde im Alter von 71 oder 72 Jahren. Als er 1561 starb, erlosch auch die großartige Tradition der Gent-Brügger Malschule für immer.


Einzigartige Kunstfertigkeit und phantastische Kreationen

Für die Ausstattung des Da Costa-Stundenbuchs war das intensive Wissen Simon Benings um die Bildsprache enorm wichtig – vor allem deshalb, weil die unglaubliche Anzahl an Miniaturen eine große Zahl kompositorischer Modelle verlangte. So benötigte der Codex etwa zwei Zyklen von Bildern zur Passion Christi: die ersten acht für das Passions-Offizium, weitere vier für die Schilderung der Leidensgeschichte bei den vier Evangelisten. Ebenso mussten die vier Evangelisten zweimal erscheinen, einmal als Autoren der von ihnen verfassten biblischen Berichte und ein weiteres Mal zusammen mit ihren Symbolen.
Um diese ikonografischen und kompositorischen Ansprüche zu erfüllen, stützte sich Bening auf Vorlagen, die bis in die Zeit der Herrschaft Herzog Karls des Kühnen von Burgund zurückreichten und schon von Malern wie dem Wiener Meister der Maria von Burgund verwendet wurden. Aber Bening kopierte diese Vorlagen nicht einfach – er entwickelte sie völlig neu und gelangte damit zu einer Meisterschaft, die sich die ursprünglichen Erschaffer niemals hätten träumen lassen. Für die nächtliche Szene der Gefangennahme Christi auf fol. 15v etwa verwendete Bening als Vorlage eine Darstellung des Maximilian-Meisters im Flora-Stundenbuch, verdunkelt die Szene aber dramatisch: nur eine einzelne Fackel beleuchtet das Geschehen.
Das satte Blau, das die Szene dominiert, wird von der grünen Schmuckbordüre ideal ergänzt; dieses Grün findet sich auch in der Szene selbst in verschiedenen Gewandteilen wieder. Benings Versuch, seine Landschaftspanoramen noch eindrucksvoller zu gestalten, manifestiert sich auch in den zwölf ganzseitigen Kalenderminiaturen, die wohl zu den berühmtesten und qualitätvollsten Darstellungen der gesamten Buchmalerei gehören.
Schon große Meister der vergangenen Jahrhunderte wie die Brüder Limburg und der Meister Jakobs IV. schufen großartige Kalenderbilder; Bening jedoch perfektionierte diesen Bildtypus revolutionär: durch ihre landschaftliche Tiefe und die atmosphärische Gestaltung sind diese Bilder singulär in der Geschichte der Buchmalerei.  Ein hervorragendes Beispiel ist etwa fol. 10v, das Monatsbild September. Schon die Komposition von Vordergrund und Bildmitte ist beeindruckend, doch das niedrige Tal, eingehüllt in einen blauen Dunst, scheint sich in die Unendlichkeit zu erstrecken. Tatsächlich biegt sich der Horizont erdgleich. Diese sich ausbreitende Weite ist ohne jedes Vorbild. 

Zur Geschichte der Handschrift

Das Da Costa-Stundenbuch ist eine der ersten von Simon Bening geschaffenen Handschriften. Sein erstes datiertes Werk, das Imhof-Stundenbuch, stammt aus dem Jahr 1511, unser Stundenbuch entstand um 1515 – und es ist eines der ersten Meisterwerke, die für einen spanischen Auftraggeber entstanden sind. Denn das übermalte Wappen auf fol. 1v konnte einem Mitglied der portugiesischen Familie Sá zugeschrieben werden. Allerdings weist das darübergemalte Wappen auf jenen Mann hin, nach dem das Stundenbuch benannt werden sollte: Don Alvaro da Costa, Waffenmeister und Kämmerer des portugiesischen Königs Manuels I. (reg. 1495–1521), den Gründer des portugiesischen Kolonialreichs.
Eine Familiengeschichte der Da Costa berichtet, dass die Handschrift 1514 von Papst Leo X. an König Manuel I. geschenkt wurde, der sie später Don Alvaro gab. Der Codex blieb dann für vier Jahrhunderte im Familienbesitz der Da Costa. 1882 stellte João Afonso Da Costa de Sousa Macedo e Albuquerque (1815–1890) die Handschrift in Lissabon aus. Nach seinem Tod erbte dessen jüngerer Bruder, Luiz Antonio da Sousa Macedo e Albuquerque, das Stundenbuch.
Dann verliert sich die Spur unserer Handschrift kurz, denn sie taucht erst wieder 1905 im Besitz des Londoner Antiquars Bernard Quaritch auf, der sie in diesem Jahr dem aus Philadelphia stammenden Sammler George C. Thomas verkaufte. Dessen Erben wiederum verkauften den Codex 1910 an John Pierpont Morgan. 

Die Edition

Das Da Costa-Stundenbuch erscheint in der Reihe Codices Selecti als Band CXVI und gibt die Handschrift mit 388 Folios vollständig im Originalformat von 17,2 x 12,5 cm mit getreuem Randbeschnitt und bis ins kleinste Detail farbgetreu wieder. Auch der prachtvolle ziselierte Goldschnitt wird originalgetreu wiedergegeben. Die im Original glänzenden Goldaufträge, die atmosphärisch einmalige Stimmung und die intensiv strahlenden Farben werden in der Edition originalgetreu wiedergegeben, ebenso die unzähligen Goldinitialen innerhalb des Textes. 

Der Kommentar: Ihr Führer in die Welt Simon Benings

Der umfangreiche wissenschaftliche Kommentar wird von Gregory T. Clark erarbeitet. Er beleuchtet die Entstehung und Geschichte der Handschrift ebenso wie ihr historisches Umfeld und enthält eine detaillierte Beschreibung der Miniaturen und Initialzierseiten und der gesamten künstlerischen Ausstattung. 

   
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