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Das Lektionar von St. Petersburg
Goldenes Juwel byzantinischer Kunst
St. Petersburg, Russische Nationalbibliothek, Codex gr. 21, 21a, Trapezunt, 2. Hälfte des 10. Jh.

CODICES SELECTI, Vol. XCVIII

Ausstattung

weitere Bilder

 

Das Lektionar von St. Petersburg  – auch Lektionar aus Trapezunt genannt – ist eine jener geheimnisvollen Handschriften mit bewegter Geschichte, ein Juwel aus dem Lande der Legenden. Die Schnittstelle zwischen zwei Kulturen am Schwarzen Meer, der byzantinischen und der osmanischen, Trabzon (ehemals Trapezunt), jahrhundertealter Umschlagplatz und Handelszentrum, war die Hüterin dieses Lektionars über die Wirren der Kreuzzüge und der osmanischen Eroberungen hinweg. Der Auftraggeber ist unbekannt; die prachtvolle Ausstattung verweist jedoch auf eine hoch gestellte Persönlichkeit.

Die Geschichte von der „Wundertätigkeit des hl. Eugenius“ aus dem 14. Jh. bringt das Lektionar in Zusammenhang mit dem Sieg des Komnenenkaisers Andronicus über den Sultan Aladdin im Jahre 1223. Bis in die Mitte des 15. Jh.s gehörten Lesungen aus dem „Goldlektionar“ zum zentralen Bestandteil der Liturgie.
1858 wurde es dem russischen Zaren als Dank für eine Hilfskollekte zum Bau einer Kirche geschenkt und gelangte so in die griechische Handschriftensammlung der kaiserlichen Bibliothek. Der kaiserliche Bibliotheksdirektor merkt in seinem Jahresbericht rühmend an, dass das „der Bibliothek geschenkte griechische Evangeliar … den bedeutendsten Platz unter den Neueingängen der Bibliothek“ einnehme. Die eigentlichen Fragmente aus Trabzon wurden vom Evangelium, dem es in späterer Zeit beigebunden worden war, gelöst und separat gebunden. In diesem Ledereinband wird es auch heute noch verwahrt.
Der Evangelienteil konnte auf etwa 1200 datiert werden, der Trabzon-Codex auf die zweite Hälfte des 10. Jh.s.

Obgleich nur fragmentarische Texte erhalten sind, ist der Trabzon-Codex aufgrund der Text- und Miniaturabfolge der Tradition der typographischen Lektionare zuzuweisen, in denen Lesungen aus den Evangelien für jeden Tag des Kirchenjahres von der Karwoche über Ostern bis Pfingsten enthalten sind. Für alle übrigen Wochen sind Samstags- und Sonntagslesungen vorgesehen.
Geschrieben ist der Text in der liturgischen Unziale, einer Art Majuskel des 10. Jh.s. Wahrscheinlich waren fünf Miniatoren an der Illustrierung beteiligt. Neuhellenismus, orientalischer Stil und armenische Buchkunst lassen sich in ihrem Einfluss belegen.

Eine Besonderheit stellen die hufeisenförmige Komposition des „Letzten Abendmahls“ und die zweiteilige Anlage der „Hochzeit zu Kana“ dar. Einige Abbildungen dieser einzigartigen Handschrift wurden in der Buchkunst als allgemeingültige Norm übernommen.
Obschon von hohem künstlerischen Wert, war das Lektionar bis vor kurzem in einem beklagenswerten Zustand. Die Hintergrundfarben und Goldauflagen waren arg beschädigt. Da die Handschrift über lange Zeiträume hinweg in der Liturgie verwendet worden war, wies sie starke Gebrauchsspuren auf.
Nach erfolgreicher Restaurierung in den 70er Jahren erscheinen die Farbflächen nun stabiler, ohne jedoch eine Änderung des Farbtons aufzuweisen. Alle Miniaturen zeigen die für die Temperamalerei charakteristische homogene, matte Textur.
Mit der derzeitigen „Bewahrerin“ des Codex, Elena Schwarz aus St. Petersburg, konnte für den Kommentar zu dieser außergewöhnlichen Handschrift die wohl berufenste Autorin gewonnen werden.

   
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