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Das Tacuinum Sanitatis in Medicina
Ein medizinisches Hausbuch mit 206 Miniaturen
Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Vindob. S. N. 2644, Oberitalien, Ende des 14. Jh.

CODICES SELECTI, Vol. VI

Ausstattung

weitere Bilder

 

Erhältlich als Band 13 der Reihe Glanzlichter der Buchkunst

Eine der schönsten und am reichsten ausgestatteten Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek ist das Tacuinum sanitatis in medicina, „Tabellarische Übersicht der Medizin“. Dieses aufwendig bebilderte heilkundliche Handbuch war vor allem für den Laien gedacht, genauer für die Dame des Hochadels oder der reichen Patrizierfamilie, die sich ein so kostspieliges „Nachschlagewerk“ für die Haushaltsführung, das Gesundheitswesen und die Krankenpflege leisten und es auch lesen konnte.

Der Buchtyp geht auf eine arabische Quelle zurück, die vom Arzt Ibn Botlan verfasst wurde und den Titel Taqwim es-sihha hatte. Die arabische Heilkunst hatte im Mittelalter entscheidenden Einfluss auf die abendländische und besaß einen hervorragenden Ruf. Die lateinische Übersetzung, die den Codex den Gebildeten des abendländischen Mittelalters erst zugänglich machte, fand eine weite Verbreitung, wovon noch heute mehrere erhaltene Handschriften zeugen.
Während das berühmte Werk zunächst nur aus synoptischen Tabellen ohne Illustrationen bestand, wurde es ab dem 14. Jh. reich mit Bildern ausgestattet und der Text als Bildunterschriften zusammengefasst. Eine der ältesten und sicherlich auch schönsten Handschriften dieser Art ist das hier vorgestellte Tacuinum, welches auf 206 ganzseitigen, farbenprächtigen Miniaturen all das abbildet, was im 11. Jh., zur Zeit der Entstehung der schriftlichen Vorlage, mit der Gesundheit des Menschen und seinem Wohlbefinden im Zusammenhang stand.


Ein Zeugnis der berühmten orientalischen Heilkunst

„Tacuinum“ ist ein arabisches Wort, das unübersetzt geblieben ist, dem aber eine lateinische Endung angehängt wurde. Da das Werk aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt wurde und auch in Italien eine weite Verbreitung gefunden hat, wurde das Wort „Tacuinum“ auch in die italienische Sprache übernommen. „Tacuino“ bedeutet heute im Italienischen soviel wie „Notizbuch“.
Der damals sehr bekannte Arzt Elbochasim de baldach (Ibn Botlan) hat im 11. Jh. das Tacuinum neben mehreren anderen medizinischen Werken verfasst und damit große Berühmtheit erlangt. Im 13. Jh. wurde dieses aus synoptischen Tabellen ohne Illustrationen aufgebaute Werk wahrscheinlich am Hof Manfreds von Sizilien ins Lateinische übersetzt, wodurch es auf die abendländische Medizin nachhaltigen Einfluss ausgeübt hat.

Ein prachtvolles Denkmal der Buchmalerei

Das Werk ist nicht nur für historisch interessierte Mediziner und Pharmazeuten von Bedeutung, sondern bildet wegen seiner Illustration mit über 200 Miniaturen auch ein umfangreiches Anschauungsobjekt für Liebhaber und Forscher der Buchmalerei. Darüber hinaus vermittelt es in seinen Darstellungen ein plastisches Bild alter italienischer Kultur sowie viele Aspekte des täglichen Lebens, wodurch es auch für den Kulturhistoriker eine reichhaltige Quelle darstellt.
Das Tacuinum dürfte gegen Ende des 14. Jh.s als Auftragsarbeit in Verona entstanden sein, wie man aus dem Wappen der Familie Cerruti auf fol. 3v schließen kann. Es wurde von zwei Malern angefertigt, die besonders durch ihren Naturalismus überraschen. Die Farben sind sehr kräftig gewählt und verleihen den Miniaturen eine bezaubernde Frische und Lebendigkeit.

Ein medizinisches Bilderbuch

Auf den 206 ganzseitigen Miniaturen werden zahlreiche Pflanzen und Tiere, Drogen und Lebensmittel dargestellt, aber auch Winde, Jahreszeiten und andere Umweltfaktoren. Es werden ihre Auswirkungen auf den menschlichen Organismus nach der antiken medizinischen Lehre beschrieben. Unter jedem Bild wird der Nutzen und der Schaden des dargestellten Objekts erläutert.
Somit ist das Tacuinum ein medizinisches Bilderbuch, das sich aus der Tradition der antiken Herbarien herleitet. Mit der Kombination von Bild und relativ ausführlichem erläuternden Text wurde ein neuer Typus geschaffen, der inhaltlich der arabischen Handschrift, von der formalen Gestaltung her der langen abendländischen Tradition nahe steht.
Die Besonderheit der bildlichen Darstellungen liegt darin, dass die einzelnen Objekte nicht isoliert abgebildet werden, sondern – wie auch im Text – der Zusammenhang mit dem Menschen im Vordergrund steht. Immer wird dessen Beschäftigung mit den jeweiligen Gewächsen, Tieren und anderen Dingen gezeigt. Aus der Beobachtung des Alltagslebens entstehen naturalistische Genreszenen, die mit ihrem reichen Fundus an Realien viel von den Lebensgewohnheiten und Lebensumständen der Bürger einer spätmittelalterlichen italienischen Stadt vermitteln.
Neben dieser großen kulturhistorischen Bedeutung liegt der besondere Reiz des Tacuinum für den heutigen Betrachter in der Möglichkeit, zeitgenössische Heilmittel aus der Natur und Praktiken für eine gesunde Lebensführung direkt mit den vor nahezu 600 Jahren angewandten zu vergleichen.

Der Kommentarband

Die Faksimile-Ausgabe begleitet ein wissenschaftlicher Kommentar, der von Franz Unterkircher verfasst wurde. Darin werden sowohl das Äußere der Handschrift als auch ihre Geschichte ausführlich beschrieben, der Verfasser und das Werk eingehend betrachtet sowie einige kunstgeschichtliche Probleme erörtert. Eine Transkription des lateinischen Textes sowie eine deutsche und englische Übersetzung (letztere von Heide Saxer und Charles 
H. Talbot) vervollständigen den Kommentar und machen ihn zu einem hilfreichen Begleiter des Faksimiles.

   
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